Umgeben von hohen Bäumen – Buchen, Eichen, Fichten, Birken und Eschen, Weiden und Traubenkirschen sowie der riesigen Thuja, die hier noch immer steht und wie eine prächtige Tanne wirkt – frage ich mich, wie viele Nuancen die Farbe grün eigentlich haben kann. Ich komme mir bei diesem Anblick vor, als würde ich auf ein Gemälde blicken. Nein. Es ist, als würde ich Teil eines lebendigen Gemäldes sein. Der Wind rauscht durch die Baumkronen, der Wald duftet nach Sommerregen, irgendwie erdig, und Libellen streifen durch die Lüfte.
Gemälde sage ich nur, weil es so schön ist. Schöner, als ich mir je hätte erträumen können. Aber: Der Wald ist mehr als eine Kulisse. Er ist die Luft, die ich atme. Mein größter Schatz, obwohl er mir gar nicht gehört. Ich erlebe hier Begegnungen, Inspiration, Freude, Demut, Spannung und Hoffnung, Überraschungen und Leichtigkeit, manchmal auch Sorge oder Ratlosigkeit. Nur die Angst schleicht sich immer mehr davon.
Waldeinsamkeit gibt es jetzt schon seit einem Jahr. Vor zwei Jahren haben wir die Schlüssel für unser Waldhäuschen bekommen. Und seitdem hat sich so viel verändert, dieser Ort, aber auch wir. Lass uns gemeinsam kurz zurückschauen und dann noch einen Moment im Wald und Waldgarten verweilen.
Schön, dass du hier bist!
Willkommen zur 41. Ausgabe von Waldeinsamkeit – dem Naturtagebuch aus dem Waldhäuschen über Naturbeobachtungen, Tierbegegnungen und das, was draußen beginnt und sich innen fortsetzt.
Ich bin Jessi. Lass uns langsamer werden. Genauer hinsehen. Gemeinsam über die Wildheit der Natur staunen und darüber, was sie in uns bewegt. Vielleicht fühlt es sich für dich ja wie ein gemeinsamer Spaziergang an.
– Im Fokus –
Momente, die
für immer bleiben
Ein ganzes dokumentiertes Jahr in diesem Wald.
Das größte Geschenk, das ich mir mit Waldeinsamkeit selbst gemacht habe, ist es, Erinnerungen konserviert zu haben. Mit der Zeit ist hier ein Archiv entstanden, wie eine Chronik des Waldes, des Waldgartens und des Waldhäuschens. Mit all seinen Bewohnern.
Wenn du schon länger dabei bist, fühlen sich diese Orte vielleicht auch für dich mittlerweile vertraut an. Oder du erkennst alte Bekannte wieder – unterschiedliche Tiere mit ihren Charakteren. Und wer neu dabei ist, könnte vermutlich tagelang im Archiv abtauchen und alles noch einmal miterleben.
Mein Herz ist ganz voll, wenn ich an die vergangenen zwölf Monate denke.
Wenn der Kreis sich schließt
Als ich letztes Jahr im Sommer mit diesem Naturtagebuch gestartet bin, klang das Wort „Waldeinsamkeit” für mich tief und aufregend, behütend, aber auch ein wenig bittersüß. Heute klingt es für mich lebendig, vielschichtig, ambivalent, aber vor allem warm, vertraut und weit. Weit im Sinne von: Ich kann tief einatmen, die Schultern locker hängen lassen und fühle mich mit mir und der Umgebung pudelwohl. Wie wenn man plötzlich merkt, dass man doch ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit in sich trägt. Lange habe ich danach gesucht.
Im Wald ist in mir viel „geheilt”, denn als Kind habe ich mich selten wirklich sicher gefühlt und das war nicht leicht, aufzuholen. Gut, geheilt hat der Wald mich nicht. Aber er hat mir immer wieder den Raum gegeben, ehrlich auf mich zu schauen. In Situationen, in denen ich etwa unsicher oder ängstlich bin.
„Sind nicht die stärksten Erkenntnisse diejenigen, die langsam wachsen durften, weil sich Erfahrungen wiederholt haben?”
Wenn ich etwa ohne Taschenlampe allein eine Nachtwanderung gemacht habe, bin ich mit meiner Angst gegangen und habe zuhören müssen, was sie mir eigentlich sagen will.
Die Spinnen haben mich gelehrt, dass ich weniger schreckhaft bin, als ich immer glaubte und dass die ständige Konfrontation mit ihnen, auch immer wieder bewiesen hat, dass sie mir nicht gefährlich werden können, und generell nichts von mir wollen.
Wie wichtig Respekt und wie fein der Grat zwischen Nähe und Distanz manchmal sein kann, zeigten mir die Wildschweine. Und welche Rolle meine Ausstrahlung und innere Haltung dabei hat.
Dass Wissen beruhigt, habe ich vom Wolf gelernt.
Von den Mäusen, dass man mutig sein sollte, wenn man etwas wirklich will.
Die Rehe zeigen mir, dass es okay und vor allem wichtig ist, lieber etwas länger zu zögern, als vorschnell zu handeln.
Die Schlange hat mir vor Augen geführt, wie gut ich ambivalente Gefühle mittlerweile aushalte. Wie normal Ambivalenz eigentlich auch ist. So konnte ich ihr etwa die Mahlzeit gönnen, auch wenn ich dadurch ein geliebtes Tier verloren habe.
Die Kröten haben mich gelehrt, dass es manchmal das größte Kompliment ist, von Tieren als nicht wichtig oder irrelevant eingestuft zu werden.
Und die Vögel demonstrieren mir täglich, was Geduld und Hingabe bedeutet, beispielsweise die beiden Amseln, die zum dritten Mal in diesem Jahr in unserem Garten brüten.
Worauf es bei Naturbeobachtungen aus meiner Sicht wirklich ankommt
Erstmal sind Naturbeobachtungen und was sie mit uns machen, etwas sehr Individuelles. Worauf wir achten, wie wir uns dabei fühlen oder inwiefern sich der Effekt auf den Alltag auswirkt. Mir fällt jedoch auf, wie wichtig mir besonders kleine Verschiebungen geworden sind. Oder auch beiläufige, fast schon banale, Szenen im Wald und Waldgarten. Sie bereichern mein Leben so sehr. Weil diese Wahrnehmung der kleinen Dinge etwas ist, das mich immer wieder aufs Neue überrascht und berührt.
Häufig (zum Beispiel heute auf der Gassirunde) ist es so: Ich entdecke etwas im Augenwinkel. Das ist manchmal nur einen sanften Schimmer in der Ferne. Ein Schimmer, der sich plötzlich bewegt und beim längeren Hinschauen die Reflexion der Sonnenstrahlen auf den Flügeln eines großen Greifvogels ist, der auf halber Baumhöhe fliegt. Sich einfach gleiten lässt. Anschließend, auf dem Rückweg, denke ich darüber nach, welcher Vogel das sein könnte. Ein Mäusebussard vielleicht? Eine Eule? Oder doch der Fischreiher? Ich lese in Büchern nach, recherchiere im Internet und lerne so viele neue Fakten dazu, dass mein Blick auch deswegen laufend mehr Kleinigkeiten entdeckt, auf deren Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit ich aufmerksam werde.
Ich habe richtig Lust auf das zweite Jahr Waldeinsamkeit und freue mich, wenn du mich begleitest.
Ein neuer Kreis beginnt. Danke fürs Begleiten!
– Waldgartenmomente der Woche –
Unsichtbare Fährten und sichtbare Folgen
Über subtile Beobachtungen, die erst im Nachhinein Sinn ergeben
Ich gehe abends mit Stirnlampe in den Garten und sammle spanische Wegschnecken, die sich auf den Weg zum Kürbis machen. Ein paar Mal hatten sie sich schon im Schutze der Nacht über die männlichen Blüten hergemacht, weshalb trotz mehr als zwei Quadratmeter Fläche nur ein einziger befruchteter Kürbis an den langen Ranken hängt.
Die Grillen zirpen. Wunderschön – diese Sommeratmosphäre am Abend. Dieser durchgängige Lärm wird für mich nie zur Belästigung.
Tilda rennt auch raus in den Garten, steuert eindeutig auf mich zu. Doch dann dreht sie ab, schnüffelt die hintere Trennwand der Terrasse mit einem inbrünstigen Grunzen ab. Die Rute ist angespannt und schwingt energisch mit, sobald sie ein paar Schritte läuft und wieder abrupt stehenbleibt. Als nächstes will sie am liebsten ins Holzlager klettern, aber ich rufe sie zu mir.
Wer da wohl an der Grundstücksgrenze langgelaufen ist?
Am nächsten Morgen ist irgendetwas anders. Michi sagt auch, dass es irgendwie so ruhig ist.
Später am Tag fällt uns dann auf, was anders ist. Das Amselmännchen hüpft gar nicht mehr über dem Rasen, wo er die letzten Tage über eigentlich immer Regenwürmer gesucht hat, wenn wir ebenfalls draußen auf der Lichtung waren.
Und, Moment mal. Auch das Zwitschern der vier Küken fehlt.
Deswegen war Tilda gestern Nacht also so aufgeregt. Ein Nesträuber war am Zaun. Die Amseln brüteten genau an der Grundstücksgrenze, auf einem umgestürzten jungen Baum.
Wir hatten uns doch eigentlich so gefreut, dass sie zum dritten Mal erfolgreich brüten. Hatten uns aber auch schon gewundert, dass überhaupt bei dieser Platzwahl Küken geschlüpft sind und die Eier nicht geräubert wurden.
Es ist ein komisches Gefühl, wenn man ahnt, dass irgendetwas passiert sein muss und wir dann verzögert ein Puzzleteil nach dem nächsten finden und zusammensetzen. Wie ein Krimi. So ähnlich geht es mir bei einem Gartenproblem. Bei den Paprika auf der Dachterrasse.
Wenn Nichtstun sich auszahlt
Auf meiner einen Paprikapflanze habe ich erst ein paar einzelne Ameisen entdeckt, dann Läuse. Zwei Tage später waren auch meine selbst gezogenen, die im Vergleich zu denen aus der Gärtnerei deutlich im Wachstum zurückhängen, betroffen. Vor allem an den Triebspitzen und Blütenknospen. Aber eigentlich sind jetzt auch schon alle anderen übersät mit den Plagegeistern.
Ich zögere immer, bevor ich eingreife. Womöglich ein paar Tage zu lange, aber ich will ja diese Saison viel übers Gärtnern lernen, wie ich bereits in der letzten Ausgabe von Waldeinsamkeit berichtet habe.
Mit Absammeln habe ich es probiert. Auch mal mit einer milden Seifenlauge gesprüht, die ich stärker verdünnt habe, als empfohlen. Ich will das Ökosystem ja nicht stören.
Und siehe da: Der Blattlausbefall hat sich verändert. Sie sind zwar weiter verteilt, aber sitzen nicht mehr massenhaft an den Stellen, an denen sie sich vorher getummelt haben. In dem Moment ist mir noch etwas aufgefallen.
Zwischen den Paprikapflanzen fliegen echt viele Feldwespen. Die könnten es auf den Honigtau abgesehen haben, gehen, wenn sie diesen entdeckt haben, aber auch auf die Läuse. Als Proteinquelle. Für die Nachkommen. Auch einen Marienkäfer habe ich entdeckt. Und auffällig viele Weberknechte. Alle drei, zu meiner Überraschung auch die Spinne mit den dürren langen Beinen, fressen Blattläuse.
Endlich wurde ich mal dafür belohnt, nicht rechtzeitig und gründlich genug reagiert zu haben. Zum Glück hat die Wasser-Seifenlauge nicht geschadet. Die Pflanzensaft-Vampire werden gerade von unseren Helfern auf jeden Fall deutlich dezimiert.
Wusstest du schon, dass neben Marienkäfern auch Weberknechte und Wespen bei Blattlausbefall gerne weiterhelfen?
Wann hast du dir zuletzt gedacht: Zum Glück habe ich nicht eingegriffen, weil sich das Problem von alleine gelöst hat?
– Waldmoment der Woche –
Mikroveränderungen
Was uns noch auffällt, obwohl wir die Wege mittlerweile fast in- und auswendig kennen.
Ich liebe es, neue Wege zu entdecken. Aber oft ist es auch so, dass Michi und ich nach Bauchgefühl entscheiden, welche Route wir gehen, oder auch mal Tilda die Wahl lassen, ob es an der Kreuzung links, rechts oder geradeaus weitergeht.
Der Einfluss von Wasser und Licht
Je nach Tageszeit, Jahreszeit oder auch Lichteinfall sehen dieselben Waldabschnitte immer ein wenig anders aus. Sie wirken trotzdem total vertraut. Wecken beispielsweise Erinnerungen an Tierbegegnungen.
An einem Weg, ganz in der Nähe davon, wo wir im Winter die Dachsspuren gefunden haben, geht man durch eine Art Mini-Schlucht. An den Wegrändern sind Erdwälle, die noch höher sind als Michi. Und darauf wachsen große Bäume. Buchen. Man sieht ihre Wurzeln, das halbe Geflecht.
Seit wir das letzte Mal hier langgegangen sind, muss der Regen so viel Sand weggeschwemmt haben, dass nun auch Steine freigelegt wurden, die niemals den Hang hinunterkullern können. Weil sie eingewachsen sind. Man sieht bei den größeren Brocken total gut, wie die Wurzeln sich damals beim Wachstum an ihre Form angepasst haben.



Ein paar Kilometer weiter ist der Boden neben den Lärchen ganz sandig. Mehr als beim letzten Mal. Oder der Wind hat die alten Lärchennadeln endlich weggeweht. Schleudersand habe ich das als Kind immer dazu gesagt. Das war wichtig. Denn wenn ich diesen Untergrund, den feinen Sand gesehen habe, bin ich immer vom Rad gestiegen und zu Fuß weitergelaufen.
Aber wichtig war auch, den Sand einmal zu fühlen. So mache ich es auch heute noch. Besonders schön ist es, wenn der Sand von der Sonne aufgewärmt wurde und durch die Finger rieselt.
Und wenn es abends immer dunkler im Wald wird, erscheinen auch Stellen, in denen die Abendsonne den Boden mit goldenem Licht
flutet, wo der Waldboden aufgrund des alten Laubs leuchtend orange erstrahlt und an denen Baumstämme von Weitem leuchten. Darin möchte ich einen Moment verweilen.
Ich glaube, ich bin mittlerweile so entspannt, dass Tilda sich ohne ihre oft präsente Hektik des Weiterwollens zu mir legt und wir gemeinsam entspannen.
– Für dich –
Waldeinsamkeit feiern
Ein Rezept aus dem Waldgarten.
Welche Begegnung in der Natur ist dir in diesem Jahr besonders in Erinnerung geblieben?
Oder gibt es etwas, das die Natur dir beigebracht hat? Ich freue mich, wenn du deine Gedanken in den Kommentaren teilst.
Alles Liebe für dich!
Von Herzen danke, dass du Teil von Waldeinsamkeit bist!
Bis zum nächsten Spaziergang. Ich freue mich auf alles, was noch kommt.
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so schön 🥰
Die Vielfalt und Vielschichtigkeit Deiner Erlebnisse berühren mich immer wieder. Und ich freue mich so, dass Du immer wieder gerne teilst. Danke dafür!🙏🏼