Die Dunkelheit bricht mitten am Tag herein und kurz darauf ist es, als wäre nie etwas gewesen. Bei der totalen Sonnenfinsternis am 11. August 1999 war ich fünf Jahre alt und das Naturschauspiel für mich ein großes Highlight. Ich kann mich jedenfalls noch ganz genau daran erinnern, wie ich zu Hause an der Glastür im Wohnzimmer stand und gespannt nach draußen in den Garten geschaut habe.
Auch diesmal sind wir zu Hause geblieben. Beim Waldhäuschen. Wir hatten keine Brillen besorgt, waren aber ohnehin viel neugieriger, wie sich dieser Ort verändert. Wie sich die Stimmung wandelt. Besonders geachtet haben wir dabei auf das Verhalten der Wildtiere.
Michi und ich sprechen häufig darüber, was wir alles schon im Wald miterlebt haben, skurrile Erlebnisse, Gänsehautmomente und immer wieder Situationen, die uns ins Staunen bringen. So viel möchte ich vorweg verraten: Wir haben uns wieder einmal sehr gewundert, denn in den letzten Tagen haben wir ziemlich viel erlebt, das wir wohl nicht so schnell vergessen werden.
Schön, dass du hier bist!
Willkommen zur 42. Ausgabe von Waldeinsamkeit – dem fortlaufenden Naturtagebuch aus dem Waldhäuschen über Naturbeobachtungen, Tierbegegnungen und das, was draußen beginnt und sich innen fortsetzt.
Ich bin Jessi. Lass uns langsamer werden. Genauer hinsehen. Gemeinsam über die Wildheit der Natur staunen und darüber, was sie in uns bewegt. Vielleicht fühlt es sich an wie ein gemeinsamer Spaziergang.
– Waldmoment der Woche –
Beim Mahl der Königslibellen
Elegante Raubinsekten.
Tilda und ich gehen spazieren. Dort an der einen Kreuzung, wo sich der Waldweg in eine breite sandige Straße und einen schmalen Wanderpfad aufgabelt, gibt es ein Meer aus Brennnesseln.
In der Mittagssonne kann ich die ätherischen Öle schon von Weitem riechen. Krautig. Und herb. Nach einem heißen Sommertag eben.
Und während wir daran vorbeigehen, schaue ich hinauf zum wolkenlosen Himmel. Die Flügel der Mücken und anderer kleiner Fluginsekten reflektieren das Licht. Auch Schmetterlinge tummeln sich rund um die Brennnesseln, vermutlich angelockt von den kürzeren männlichen und wie winzige Perlenketten herunterhängenden weiblichen Blüten. Vor allem Kohlweißlinge, zu denen ich im Garten aufgrund ihrer Kohl-Obsession mittlerweile eher gemischte Gefühle hege. Hier jedoch freue ich mich über sie und bleibe einen Moment stehen, um einfach mal kurz zu beobachten.
Eine Königslibelle – sie ist verhältnismäßig riesengroß, blau-türkis gefärbt und hat wunderschöne Facettenaugen – schraubt sich binnen Millisekunden vom Himmel herunter. Und schnappt sich einen Kohlweißling im Flug.
Die prächtige Libelle greift den Falter mit ihren Gliedmaßen. Kopfüber wird er fixiert. Da ist kein Flattern mehr. Es geht alles so schnell.
Ich möchte mir die Augen reiben, stehe starr da. Und die Libelle mit ihrer Mahlzeit wird immer kleiner und kleiner.
Also so etwas habe ich noch nicht gesehen. Eigentlich ist es naheliegend, dass Schmetterlinge auf ihrem Speiseplan stehen könnten, aber ich bin eher davon ausgegangen, dass sie kleinere Insekten erbeuten.
Hier kommen noch ein paar Libellen-Impressionen:
Das hier könnte eine frisch geschlüpfte weibliche Gefleckte Heidelibelle sein.
– Waldgartenmomente der Woche –
Tilda und Jerry
Über eine gewitzte Maus,
die genau weiß, was sie tut.
Wenn du schon länger dabei bist, erkennst du Tildas Verhalten vielleicht auch schon wieder, wenn sie Mitglieder unserer kleinen wilden Farm sieht. Vor ein paar Tagen hat sie uns wieder angezeigt, „dass da etwas ist”.
Wo? In der Kräuterspirale.
Sie stand wieder ganz aufrecht, die Ohren aufmerksam aufgestellt und fixiert den Blick. Doch was starrt sie an?
Diesmal keine Schlange.
Aber was wir stattdessen entdecken, bringt mich echt zum Lachen! Da lugt doch tatsächlich eine Maus zwischen den Steinen hervor. Genau die Stelle, wo sich Eleonore, die Schlange, oft aufhält.
Die Szene erinnert mich total an Tom und Jerry. Nur haben wir hier Tilda und Jerry. Jerry, die Maus (vielleicht ist es dieselbe, die den Fingerhut letztens als Leiter zum Vogelfutterhaus genutzt hat), schaut uns seelenruhig an. Michi sagt oft, die Mäuse tanzen Tilda auf der Nase herum. Tja, genau so ist es. Wenn Tilda losstürmen würde, landet sie im Mini-Teich. Und die Maus muss nur wenige Zentimeter zurücktreten, um sich zwischen den Steinen zu verstecken.
Nach einer langen Minute verschwindet sie kurz in ihrem Loch, lugt noch einmal zu uns rüber und erntet anschließend ein paar Rucolasamen. Sie lässt sich gar nicht stören. Tilda achtet ja weiterhin nur auf die Höhle zwischen den Steinen.
Jerry und wir
Zum Schutze der Kürbispflanze sammeln Michi und ich nachts manchmal ein paar Nacktschnecken ein. Und schau mal, wer uns dabei genauestens beobachtet.
„Dann haben wir ein Urlebewesen im Hochbeet entdeckt.”
Michi ruft mich morgens zum Hochbeet. Er hat etwas entdeckt und kann mir erstmal gar nicht sagen, ob es etwas „Schlimmes” ist oder nicht.
Als ich dort ankomme, schaudert es mich: „O Gott, was ist das denn?!” Das sieht nämlich aus, als hätte ein größeres Tier erbrochen. Oder starken Durchfall gehabt. Die Katze? Ein Greifvogel? Ein Marder vielleicht?
Ich bin jetzt schon gestresst von dem Gedanken, wie ich das beseitigen soll und wie viel Erde ich abkratzen sollte, damit das Hochbeet wieder sauber ist. Immerhin essen wir doch, was darin wächst.


Ich nehme einen Stock, pikse in die Masse und merke sofort, dass es alles irgendwie keinen Sinn ergibt. Die Masse wirkt nämlich eher hart und nicht schleimig. Gelber, körnig krümeliger Brei bleibt an der Spitze hängen. Und auch wenn ich nicht allzu nah mit der Nase dort herangehe, fällt mir auf, dass es gar nicht stinkt.
Gestern Abend war es noch nicht da
Natürlich googeln wir, von welchem Tier diese Hinterlassenschaften kommen könnten. Mit Bildersuche. Und was dabei herauskommt, ist für uns unfassbar faszinierend.
Wir haben es hier mit einem Hexenbutter-Schleimpilz zu tun, der wegen seiner trügerischen Optik auch Hundekotze-Schleimpilz genannt wird. Schleimpilze sind weder Pflanzen, noch Pilze oder Tiere. Das sichtbare Gebilde besteht vielmehr aus nur einer vielkernigen Zellmasse. Es ist ein komplexes und erstaunlich ursprüngliches Lebewesen. Total faszinierend!
Je mehr ich über ihn erfahre, desto mehr tut es mir leid, dass ich ihn mit dem Stöckchen angepikst habe. Denn dieses Lebewesen kann sich sogar bewegen. Sein sogenanntes „Plasmodium” pulsiert und bewegt sich so ganz langsam fort.
Zum Glück gilt dieser außergewöhnliche Gast im Hochbeet als harmlos für uns und unsere Pflanzen. Im Gegenteil – er ernährt sich unter anderem von Mikroorganismen in verrottendem organischem Material und trägt damit zum Nährstoffkreislauf bei.
Wahrscheinlich haben wir ihn auch schon zig Mal im Wald entdeckt, an morschen Baumstümpfen oder am Boden. Nur im Waldgarten hat er uns doch ziemlich überrascht.
– Im Fokus –
Dunkelheit in warmen Farben
Partielle Sonnenfinsternis im Wald und Sternschnuppenregen
Wir sind die ganze Zeit über draußen, auf der Dachterrasse. Nicht nur zum Höhepunkt der Sonnenfinsternis. Obwohl wir vom Waldgarten aus aufgrund der Bäume überhaupt keine Sicht auf die Sonne haben.
Zunächst wirkt alles normal. Wie immer. Die Amseln schichten etwas Laub um, eine Taube verweilt auf einem Ast, genau an einem Fleck, an dem die Abendsonne sie anstrahlt. Und ein paar kleinere Vögel fliegen munter umher. Die Libellen jagen. Ein paar Mücken wollen uns stechen.
An den Sonnenstrahlen in den Baumwipfeln beobachte ich, wie weit die Sonnenfinsternis fortschreitet. Tatsächlich verkleinert sich der Streifen aus goldenem Licht allmählich. Wenn ich zum Waldweg schaue, wirkt es aber schon, als wäre die Nacht bereits angebrochen.
Zum Höhepunkt
Michi und ich verstummen. Als wären die zwei Minuten ein Moment, in dem wir nicht reden sollten. Auch die Vögel sind etwas ruhiger geworden. Nur die Kühe aus dem Dorf muhen so laut, dass es mir wie Schreien vorkommt.
Dann höre ich noch andere Geräusche, die ich kurz zuordnen muss. Da ist eine Frau, die mit voll bepacktem Wanderrucksack schnellen Schrittes durch den Wald spaziert. Wie ein Kontrastprogramm ist das.
Ich lasse meinen Blick schweifen. Die plötzliche Dunkelheit, die den Wald einhüllt, strahlt in warmen Farben. Anders als die Dämmerung.
Und dann kommt auch schon das Licht zurück. Vereinzelt singt ein Vogel, aber es ist nicht das ganz große Konzert, wie sonst zur Dämmerung. Es ist, als hätte die Tierwelt heute einfach akzeptiert, dass die Nacht früher hereinbricht. Als würden sich die wenigen Minuten, bis die Sonne gänzlich am Horizont untergeht, sie nicht noch einmal zurück in die Aktivität bringen. Es ist einfach gut. Warum noch einmal eine „Gute Nacht” wünschen?
Über uns fliegt ein Schwarm Mauersegler. Sonst fallen sie uns kaum auf. Die ersten Fledermäuse drehen ihre Runden über unserer Lichtung und die ersten Sterne werden sichtbar.
Das Naturspektakel fühlte sich unspektakulärer an, als ich erwartet hatte. Anders als in meiner Erinnerung damals. Und doch berührt mich genau das. Dieses Gefühl, dass so viele Menschen zeitgleich draußen waren, alle mehr oder weniger das Gleiche gemacht haben.
Das eigentliche Feuerwerk der Gefühle
Nachts liegen wir gemeinsam mit Tilda auf den Fliesen der Terrasse und schauen in die Sterne. Immerhin erreichen die Perseiden in dieser Nacht ihren Höhepunkt. Ich bin dankbar, wie gut wir sie im Wald sehen können. Wie wenig Lichtverschmutzung es gibt.
Und dann sehen wir in nur einer Minute vier Sternschnuppen nacheinander. Die erste zieht einen langen Schweif mit sich.
Wir bleiben so lange, bis wir keine Wünsche mehr übrig haben und das Herz ganz leicht wird.
Ich reise gedanklich noch einmal zurück ins Jahr 1999. Dann in meine Jugend. Ich musste daran denken, wie allein und fremd und ohnmächtig ich mich damals oft gefühlt habe. Und dass mich der Nachthimmel immer getröstet hat. Weil ich so fest überzeugt war, dass ich womöglich von einem Raumschiff versehentlich hier auf der Erde vergessen wurde – und dann immer gehofft habe, die Aliens würden mich sehen und abholen.
Heute muss ich darüber schmunzeln. Ich halte Michis Hand, friere ein bisschen, weil Tilda auf der einen Seite meiner Jacke liegt, und hoffe, dass wir mit 87 und 93 Jahren die nächste Sonnenfinsternis zusammen erleben werden. Genau hier.
Na, wie hast du die Sonnenfinsternis erlebt? Wie viele Sternschnuppen hast du anschließend gezählt?
Und wann bist du dir das letzte Mal wie in einem Naturkrimi vorgekommen?
Alles Liebe für dich!
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- Ich kann mich, genau wie du, an die Sonnenfinsternis als Highlight aus meiner Kindheit erinnern.
- Der Pilz im Beet ist ja so abgefahren! Erinnert mich an Seesterne mit der Fortbewegung.
Weiter hab ich es noch nicht geschafft zu lesen 😋