Schön, dass du hier bist!
Willkommen zur achten Ausgabe von Waldeinsamkeit, dem Newsletter aus dem Waldhäuschen.
Ich schreibe über das Leben im Wald, überraschende Tierbegegnungen und über das, was draußen beginnt und sich innen fortsetzt.
Heute teile ich ein paar überraschende Momente aus der letzten Woche mit dir:
Einen stillen Hilferuf aus dem Tierreich
Nächtliche Verabredungen im Waldgarten
Warum das Ungeplante uns hilft, die Kontrolle loszulassen
Welches Tier im Unterholz wie ein Wildschwein klingt
Und zum Abschluss gibt es noch ein wärmendes Rezept, das sich perfekt für herbstliche Tage mit viel Draußen-Zeit eignet.
Hol dir ein Heiß- oder Kaltgetränk, mach es dir gemütlich und lass uns gemeinsam langsamer werden und staunen: über die Wildheit der Natur und das, was sie in uns bewegt.

Aus unserem Alltag: Wie ist es wirklich?
Michi und ich beantworten in dieser neuen Rubrik Fragen, die uns zum Leben im Waldhäuschen erreicht haben.
Wie ist das mit Internet, Strom und Wasserversorgung im Wald?
Michi:
„Wir sind ans Stromnetz angeschlossen und bekommen Wasser vom Wasserwerk um die Ecke. Das Abwasser geht allerdings in eine Kleinkläranlage. Es gibt auch eine Telefon-Leitung, jedoch bekommen wir damit nur ca. 2 Megabits pro Sekunde DSL-Geschwindigkeit, weswegen wir einen Mobilfunk-Router mit externer Antenne aufgestellt haben. Damit können wir sogar parallel an Videokonferenzen teilnehmen und von Zuhause aus arbeiten. Leider ist es aber nicht so zuverlässig wie eine Kabel-Lösung. Glasfaser wurde zwar vor einigen Jahren im Ort verlegt, hat es bis hierher aber leider nicht geschafft.”
Im Fokus: Ein geheimnisvolles Gluckern und eine Tierrettung an unerwarteter Stelle
Bestimmt kennst du das auch: Du hörst ein ungewohntes Geräusch, kannst es anfangs nicht zuordnen und bist dann ganz überrascht, als du erkennst, was es ausgelöst hat.
Ich setze mich in einer leichten Decke eingemurmelt zum Wachwerden auf die Terrasse und beobachte das wilde Treiben am Futterhaus. Die Luft ist noch kühl, der Tau glitzert auf den Halmen und Blüten und ich genieße, wie die Sonnenstrahlen mich sanft wärmen.
Vielleicht ist auch das eine Form des Waldbadens. Meine Sinne kommen auf ihre Kosten, meine Wahrnehmung ist gleichzeitig innen wie außen. Wie vorteilhaft dieser Zustand für ein Mitglied unserer kleinen wilden Farm noch werden würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Ein Morgen für die Sinne
Wenn wir noch schlafen, sind die Vögel am aktivsten. Die Sonnenblumenkerne, die ich eben aufgefüllt habe, nehmen sie sofort an. Ich lausche dem Gezwitscher der Kohl- und Blaumeisen, dem Pfeifen der Kleiber. Manchmal sitzt ein Kleiber auch auf dem Futterhaus und klopft mit dem Schnabel fast so laut gegen das Holz wie es ein Specht. Aber längst nicht so schnell. Außerdem klingt es dumpfer. Bestimmt weil ihr Schnabel kürzer ist, sie einen anderen Einhämmer-Winkel haben und die Streben des Futterhauses einen anderen Klangkörper bilden – dünner als das Holz, das sich Spechte hier sonst aussuchen.
Vor allem nehme ich an diesem Morgen jedoch die Fluggeräusche der Vögel deutlich wahr.
Ich schließe die Augen, als könnte ich deshalb tatsächlich genauer hören: Das Flattern der Flügel. Das Geräusch, wenn sie losfliegen, beschleunigen oder plötzlich die Richtung wechseln. Als würden sie sich mit ihren Flügeln regelrecht von der Luft abstoßen.
Heute ist es etwas windiger als sonst auf der Lichtung unseres Gartens. Vielleicht sind die Fluggeräusche deswegen lauter, da das Navigieren durch die Lüfte heute mit mehr Anstrengung verbunden sein könnte.
So langsam gehen alle Vogelgeräusche mit dem Rascheln der Blätter in ein gebündeltes Hintergrundrauschen über. Nur die kleinen Dramen stechen dann heraus, wenn beispielsweise ein Vogel von einem anderen hinterrücks vom Futterplatz verscheucht wird.
Ein geheimnisvolles Geräusch
Leise höre ich etwas, das ich absolut nicht zuordnen kann: Wie ein Gluckern im Wasser, wie wenn ich mit der randvollen Vogeltränke umherlaufe und das Wasser überschwappt. Oder wenn etwas im Wasser schwimmt. Was komisch ist. Denn im Mini-Teich habe ich es noch nie auf diese Art gluckern gehört und es kommt eher aus der Richtung des Holzunterstandes.
Im gesamten Garten habe ich für die Insekten, Mäuse, Vögel, Kröten, Frösche Wasserschalen aufgestellt – oder besser gesagt: Topfuntersetzer. Auch auf Höhe des Unterstandes. Aber es passt nicht. Darin kann niemand so ausgiebig schwimmen, wie das Gluckern vermuten lässt. Damit niemand ersäuft, habe ich ja noch Steine und Moos in die flachen Schalen gelegt.
Vielleicht ist einfach nur eine Maus über die obersten Holzscheite gelaufen. Dabei könnte der Scheit etwas gekippt sein. Klingt das nicht ähnlich?
Oder war es eine Taube? Die sind immer so laut. Manchmal wirken sie auf mich auch ein wenig tollpatschig. Vielleicht ist eine ganz versteckt auf dem Ast der Buche über mir gelandet und hat mit den Flügeln wild umhergerudert.
Erneut höre ich das Geräusch und begebe mich auf die Suche.
Irgendetwas ist da faul. Das spüre ich. Also los, zum Holzunterstand! Ich schaue in die Wasserschale, die aufgrund des Regens bis zur Kante voll Wasser steht. Eine Wespe, die gerade getrunken hat, fliegt weg. Ansonsten ist da nichts.
Doch einen Meter weiter, blitzt etwas Giftgrünes auf. Zwischen ausladendem Farn und dem kniehohen Baumstumpen: Eine Gießkanne.
Warum steht die denn da? Ich kann mich gar nicht erinnern, sie dort hingestellt zu haben.
(Michi hat vor ein paar Tagen etwas abgespült und sie aus Versehen stehen gelassen.)
Ich schaue, ob jemand hineingefallen ist. Bitte nicht!
Auf den ersten Blick sehe ich nur klares Wasser. Sie ist zwei Drittel gefüllt, vermutlich hauptsächlich mit dem Regenwasser der letzten Tage.
Irgendetwas sagt mir, dass dieses Gluckern genau aus dieser Gießkanne kam. Und ich finde, sie steht verdächtig nah am Baumstumpen.
Ich hocke mich hin, um auch den Teil in der Gießkanne zu sehen, der nicht mit Wasser gefüllt ist. Und da sitzt ein Frosch oder eine kleine Kröte! Genau an der Wasserkante – wo der Hahn der Kanne anfängt.
Gegluckert hat es wohl, weil er immer mal wieder im Kreis geschwommen sein muss, um einen Weg hinaus zu finden.
Für mich war dieses Gluckern: Ein leiser Schrei nach Hilfe.
Zuerst rette ich das kleine Geschöpf. Behutsam trage ich die Gießkanne ein paar Meter vom Baumstumpen weg. Würde ich das Wasser dort ablassen, könnte die Amphibie womöglich in die unterirdischen Löcher des vermodernden Stumpens geschwemmt werden. Ich will das Tier nicht unnötig zusätzlich stressen.
Dann kippe ich sie langsam und vorsichtig schräg, sodass das Wasser abfließen kann. Ich will es nicht einfach wie beim Blumengießen ausschütten, weil sich da nun mal das Tier ausruht. Doch durch die seitliche Neigung der Gießkanne, macht es *plopp* und der Kleine landet im Wasser. „Scheiße!!”
Jetzt bloß nicht hektisch werden.
Wie in einem Wasserfall, rinnt das Wasser aus der Gießkanne. Das Tier lässt sich währenddessen treiben, bewegt die Arme und Beine ganz entspannt. Und als der Wasserstand so niedrig ist, dass ich die Gießkanne fast hinlegen kann, flutscht das Tier im Sog des Wassers einfach über die Kante und landet auf dem Rasen. Das erinnert mich irgendwie an die Geburt von Kälbchen.
Es ist ein Springfrosch. Während das Wasser über seinen Rücken rinnt und schließlich verebbt, sitzt er einfach nur da und schaut mich an.
Na der muss aber platt sein. Ich stehe langsam auf, lasse ihn in Ruhe und gehe ins Waldhäuschen. Eine halbe Stunde später, als Michis Meeting beendet ist, schauen wir nochmal nach. Da sehen wir, wie er unter den Paletten des Holzlagers verschwindet.
Es ist aber nicht das letzte Mal, dass wir ihn gesehen haben. (Mehr dazu gleich in der nächsten Rubrik.)
Zum Glück. Ich bin so erleichtert, dass alles gut gegangen ist. Auch wenn mich ein schlechtes Gewissen plagt.
Aber erstmal: Wie ist es bei dir?
Welche skurrile oder spannende Entdeckung hast du gemacht, als du einem ungewöhnlichen Geräusch nachgegangen bist?
Weitere Begegnungen im Waldgarten
Abends taucht der Frosch wieder auf. Und er ist nicht allein – von null auf vier! Doch wie so oft, interagieren sie nicht miteinander. Vielmehr ist es: Nebeneinander-Sein.
Hier kommt ein gekürztes Video – aus 15 Minuten am nächtlichen Mini-Teich. Achte mal darauf, wie viele Tiere und verschiedene Tierarten du siehst – Tildas Kuscheltier zählt nicht. :))
Außerdem hat uns berührt und bewegt:
Das erste Frosch-Quaken aus dem Teich
Ich meine nicht nur Springfrösche gesehen zu haben, sondern auch Grasfrösche. Farblich unterscheiden sie sich alle: Von dunklem Olivgrün bis hin zu einem leuchtenden Kupferrot.
Ein Gewitter, bei dem es eine halbe Stunde lang nur laut gegrollt hat – wie ein dünnes Blech, das hin und her schwingt
Einschlafen bei Sturm (ich dachte immer, das wäre beängstigender, bei so vielen Bäumen drum herum – aber es ist das Gegenteil!)
Wie schnell Spinnen ihr Netz neu weben oder reparieren können und…
…ob die Spinne ihr Netz zwischen Terrasse und Lampe selbst abgebaut hat (obwohl es so effektiv gewesen ist) oder ob ein Vogel es im Flug zerstört hat
Wie die Feldmaus sich an einem Frosch vorbei gequetscht hat und er so getan hat, als wäre nichts gewesen
Ich freue mich so sehr über dieses rege Treiben, weil es mittlerweile auch Tage und Nächte gibt, wo (fast) nichts los ist. Das ist ungewohnt. Doch noch überwiegt die Fülle.
Gedanke der Woche
Über die Lektion ungeplanter Momente, echte Präsenz und die besondere Verbindung, die aus spontanen Begegnungen entstehen kann.
Bezogen auf den Frosch in der Gießkanne, plagte mich ein schlechtes Gewissen. Leider bin ich keine hellsichtige Waldfee. Ich kann auch nicht alles kontrollieren – und ganz ehrlich? Mit 24 hat mich das Bedürfnis nach Kontrolle – bloß keine Fehler zu machen; oder überaufmerksam zu sein, um bloß nichts zu übersehen und mich somit vermeintlich sicher zu fühlen – in eine Depression geführt.
Es ist so wichtig, zu akzeptieren, dass wir nicht alles planen müssen und vor allem können. Und darauf zu vertrauen, dass das Leben uns auch dann trägt.
Und das Ungeplante erlaubt, die Kontrolle abzugeben.
Dass Michi und ich alle Behältnisse und Töpfe umdrehen, die sich mit Wasser füllen könnten oder aufgrund der Oberflächenbeschaffung für Tiere zu einer potentiellen Falle werden könnten, muss ausreichen. Dass Michi die Gießkanne vergessen hat und ich sie nicht gesehen habe, kann passieren.
Aber als ich das ungewöhnliche Geräusch gehört habe, wusste ich: Ich muss genauer hinschauen. Es ist schön, dass es sich gelohnt hat, meinem Bauchgefühl zu trauen.
Spannend finde ich außerdem, dass dieses überraschende Geräusch mich
sofort ins Hier und Jetzt gebeamt hat, wo wir bekanntlich offen, wach und empfänglich sind. Dann hat der Frosch mich quasi in seine Gegenwart gezogen.
Jetzt ist er so nah bei uns und es wirkt, als hätte er den anderen auch gleich Bescheid gesagt. In den letzten Ausgaben von Waldeinsamkeit sagte ich bereits, dass die Frösche näher kommen. Nur fühlt es sich so besonders an, dass er gerade nach so einer stressigen Situation so nah ist wie nie zuvor. Auch wenn er vielleicht eh vorhatte, in der Nähe der Kräuterspirale nach einem geschützten Platz für die Winterstarre zu suchen, die bei weniger als zehn Grad Lufttemperatur einsetzt.
Was, wenn aus spontanen, überraschenden Begegnungen besonders leicht Nähe entsteht, weil diese Situationen uninszeniert sind und wir darin automatisch authentisch sind?
Das gilt aus meiner Sicht sowohl für neue Freundschaften, als auch für respektvolle Tierbegegnungen ohne Angst und mit dem richtigen Maß an Distanz.
So nach dem Motto: Genau deshalb, weil man nicht nach Nähe gesucht oder gedrängt hat, war es möglich.
Waldmoment der Woche:
Schreckensmoment im Dickicht
Was wir mitbekommen haben, war mir absolut neu.
Ein Rascheln im Dickicht aus Brennnesseln, Brombeeren und Springkraut – ich bleibe abrupt stehen, halte den Zeigefinger hoch. Das steht bei Michi und mir für: „Lass uns mal kurz still sein und lauschen.”
Ich bekomme kein Wort raus. Atme flach. Wir stehen mit Tilda nur rund zwei Meter vom Dickicht entfernt. Es hört nicht auf zu Rascheln, wird immer lauter. Als würde das Tier sich auf uns zubewegen. Und im Grunde kann ich auch nicht mehr von Rascheln sprechen, weil es eigentlich wie Schritte klingt. Schnelle Schritte von kurzen Beinchen.
Ob es ein junges Wildschwein ist? Ein Frischling, das den Anschluss an die Rotte verloren hat?
Ja – in der Angst sucht mein Hirn sofort den Worst-Case heraus.
Das Tier ist nämlich umgedreht und wir haben es entdeckt, als es gerade auf den Baum gesprungen ist: Ein Eichhörnchen.
Damit habe ich nicht gerechnet. Klar bewegt es sich auch viel auf dem Waldboden. Aber dort im Dickicht voller Stacheln?
Frischlinge hätten vermutlich die Brombeeren und Brennnesseln zum Wackeln gebracht – fällt mir noch ein, als ich wieder tief atmen konnte.
Hattest du schon mal eine Begegnung, die dir erst beängstigend vorkam und sich dann überraschend harmlos gezeigt hat?
Zum Mitnehmen für die Woche:
Aufgewachsen bin ich zwar nach der Wende, und doch mit vielen typischen DDR-Gerichten. Mein absolutes Lieblingsessen damals: Soljanka. Vielleicht ist das für dich ja auch ein Herbst-Begleiter. Denn diese Suppe wärmt ganz wunderbar – besonders nach einem ausgiebigen Waldspaziergang.
Soljanka nach Oma’s und Opa’s Rezept
Zutaten für 3-4 Portionen:
ein Glas Letscho (680g)
Original, mit Fleisch (insgesamt ca. 250g): Fleischwurst, optional: Salami und Kassler
oder wie wir es essen…
Vegan (insgesamt ca. 250g): Räuchertofu, optional: Soja-Granulat, V-Salami, V-Würstcheneine große Zwiebel
1-2 Zehen Knoblauch
150g Gewürzgurken
400ml Gemüsebrühe
1 Dose gehackte Tomaten
1 Lorbeerblatt
Salz und Pfeffer
Süße: z.B. Zucker, Ketchup, Agavendicksaft
Säure: z.B. Zitrone, Essig, Gurkenwasser
Zubereitung:
Zuerst alles nacheinander in einer Pfanne anschmoren und im Topf mit dem Letscho, der Brühe und den gehackten Tomaten vermengen und köcheln lassen. Mit den restlichen Zutaten abschmecken und mit einem Löffel Saure Sahne oder Creme Vega servieren.
Guten Appetit!
Ich freue mich so sehr, wenn du deine Gedanken teilen magst. Denn je mehr wir unsere Beobachtungen teilen, desto wilder und lebendiger wird dieser Newsletter und der Raum, der aus ihm heraus entsteht.
Jede Nachricht und jeder Kommentar wird mit offenem Herzen gelesen und in Ruhe beantwortet.
Kennst du vielleicht jemanden, der oder die diesen Newsletter unbedingt lesen sollte? Dann freue ich mich, wenn du ihn weiterempfiehlst und diese Ausgabe teilst.
Bis nächste Woche!








Ein unglaublich schöner Beitrag – vielen Dank dafür🙏🏻🌻!
Ungeplante Momente lehren uns, im Hier und Jetzt zu sein und offen für das zu bleiben, was sich ganz natürlich entfaltet.
Beim langsamen, lauschenden Spaziergang durch den Wald öffnet sich diese Nähe auf leise Weise. Ich spüre die Gegenwart der Tiere, höre das Rascheln der Blätter und atme die Düfte ein: der Duft der Bäume, das frische Holz gefällter Stämme, das Harz auf der Rinde. Jeder Atemzug trägt die Erinnerung an das junge Holz und die stille Kraft, die im Wald liegt. Gleichzeitig finde ich zu mir selbst. In dieser Stille entstehen Begegnungen, die weder erzwungen noch geplant sind und doch entfalten sie ihre eigene, stille Magie.